
Lernende in Alphabetisierungskursen bringen unterschiedliche Lernvoraussetzungen mit. Kursleitende sind herausgefordert, individuelles und gemeinsames Lernen ihrer Teilnehmer miteinander zu verknüpfen. Als eine dafür gut geeignete und hochmotivierende Übung hat sich im ABC-Intensivkurs der »Brocken des Tages« herausgestellt. Dabei tragen Lerner mit unterschiedlichsten Voraussetzungen gemeinsam zur richtigen Schreibweise eines selbst vorgeschlagenen, “schwierigen” Wortes bei und lernen voneinander. Beim gemeinsamen Nachdenken über Schreibweisen bekommen Kursleitende und Lernende Einblicke in Lösungsstrategien. Kathleen Bleßmann hat diese Übung zur Lautanalyse und zum Erwerb von Rechtschreibstrategien beschrieben.

10 Wochen vor Ende der Projektlaufzeit trafen sich am 16. August alle Beteiligten im Grundbildungszentrum der VHS in Oldenburg, um aus den jeweiligen Bereichen des Forschungs- und Entwicklungsprozesses rückblickend eine Gesamtbilanz zu ziehen. Im Zentrum der Diskussion stand eine Bewertung der Ergebnisse und ein perspektivischer Blick, welche weiteren Forschungs- und Entwicklungsarbeiten aufgrund noch offen gebliebener Fragen sich aufdrängen und welche nächsten Schritte zu tun sind. Bereits jetzt stehen 20 Veröffentlichungen aus dem ABC-Projekt zum Download zur Verfügung. Das Ende Oktober erscheinende ABC-Buch wird sämtliche Ergebnisse zusammenfassend darstellen und alle Produkte auf einer DVD präsentieren.
Einige Erkenntnisse des Bilanztreffens stichwortartig:Neue Unterrichtsmethoden und -materialien wurden von den Lernenden gut angenommen und unterstützten die Lernmotivation. Die Kombination direktiver Lehrverfahren mit offenen Unterrichtformen hat sich in der Intensivlerngruppe als unproblematisch erwiesen. Interventionsprogramme bzw. Untersuchungszeiträume in der Alphabetisierung dürfen nicht zu kurz gewählt werden, um Lernprogressionen abbilden zu können. Studien zur Untersuchung der Lernprozesse in der Alphabetisierungspraxis sind langfristig, kleinschrittig und prozessbezogen anzulegen. Die Messinstrumente zum Erfassen von Lese- und Schreibleistungen sind noch zu grob und bilden nicht in jedem Fall beobachtbare Lernerfolge ab. Die Lernenden sahen ihre Erfolge eher durch die Bewältigung von Aufgaben im Unterricht als durch die Zunahme von Handlungskompetenzen im Alltag.

In einem neuen Beitrag stellt Ursula Venn-Brinkmann die Ergebnisse ihrer Untersuchung zur Entwicklung der Textproduktionskompetenz der Lernenden im ABC-Projekt während eines Moduls zum selbstregulierten Lernen dar. Sie bezieht sich dabei auf das von Gudrun Spitta entwickelte “generalisierte Schreibprozessmodell” bei Kindern und überträgt den Ansatz der Schreibprozessforschung erstmals auf erwachsene Lerner.
Ihre Forschungsfrage: Lässt sich Textproduktionskompetenz im Sinne des generalisierten Schreibprozessmodells entwickeln unter den Bedingungen eines nicht gelungenen, negativ erlebten ersten Zugangs zur Schriftsprache? Dazu analysierte sie mittels des Züricher Testanalyserasters die im Laufe von fünf Monaten entstandenen Textbeiträge für die ABC-Zeitung, der im ABC-Projekt entstandenen Online-Zeitung von Lernern für Lerner. Im Ergebnis konnte Ursula Venn-Brinkmann erfreulicherweise für die gesamte Gruppe der literal eingeschränkten Lerner einen zum Teil deutlichen Lernzuwachs hinsichtlich ihrer Textproduktionskompetenz feststellen. Exemplarisch wurde dies für einen Lerner ausdifferenziert.

Grundbildung und Arbeitsmarktorientierung, kurz “GuA”, eine einjährige Qualifizierungsmaßnahme für funktionale Analphabeten, wurde seit 2001 von der VHS Oldenburg mit Projektleiter Achim Scholz in Kooperation mit dem Arbeitsamt Oldenburg zweimal sehr erfolgreich durchgeführt. Das Projekt a³ - Alphabetisierung, Arbeit, Ausbildung, Teil des BMBF-Forschungsprojektes “Chancen erarbeiten” des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. hat nach intensiver Recherche von deutschlandweit 150 Projekten der arbeitsweltorientierten Alphabetisierung und Grundbildung das Oldenburger “GuA”-Projekt als eines von fünf Best-Practice-Modellen ausgewählt. Der ausführliche Recherchebericht ist nun online zu lesen. Das Konzept und die Bewertung des GuA-Projektes finden sich auf den Seiten 42-55.
Im “GuA”-Projekt bereits erprobte Modelle der Binnendifferenzierung und intensiven Lernberatung, des selbstgesteuerten Lernens, der Wochenplan- und Freiarbeit, der Lerntagebücher und Bilanzgespräche mit Lernenden, des Medieneinsatzes und der Erstellung erwachsenengerechter Lernmaterialien werden im laufenden ABC-Forschungsprojekt weiter verfolgt und zum Teil wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse werden in einem ABC-Forschungs- und Entwicklungsbuch im Oktober 2010 veröffentlicht. Das ABC-Projektteam strebt die Neuauflage einer “GuA”-Maßnahme in Kooperation mit der örtlichen ARGE an, um einen nachhaltigen Transfer der Erkenntisse aus der Unterrichtsforschung zu gewährleisten.

Das Buchprojekt eines Alphabetisierungskurses der VHS Oldenburg wird mit einer Spende der Oldenburgischen Landesbank und der Allianz Kulturstiftung in Höhe von 3.000 Euro unterstützt.
Die Initiative zu dem Buchprojekt ging von Kathleen Bleßmann, Diplompädagogin und langjährige Kursleiterin in der Alphabetisierung, aus. Nach der Lektüre des Buches “Ein seltsames Horoskop” (Autor Ulrich Steuten) schrieben die Teilnehmer eines Alphabetisierungskurses Fortsetzungsgeschichten, die von Kursleiterin Kathleen Bleßmann unter dem Titel “Horoskope lügen nicht” zu einem Ganzen zusammengefügt und ergänzt wurden.
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Am 3.7. trafen sich 17 Lerner aus Aschaffenburg, Frankfurt, Hamburg, Lüneburg, Ludwigshafen und Oldenburg in den Räumen des ABC-Projektes zu einem ganztägigen Workshop. Für die Gastgeber aus Oldenburg führte die Lernerin Brigitte als Moderatorin durch das vielseitige Programm. Die meisten Teilnehmenden kannten sich bereits von verschiedenen Fachtagungen. Nun nutzten sie die Möglichkeit, eigene Erfahrungen intensiv auszutauschen, zum Beispiel den Umgang mit Ämtern und Medienvertretern. Es wurden aber auch bisherige Erfolge vergegenwärtigt und neue Ziele für eine gemeinsame Interessenvertretung formuliert. Die Atmosphäre war geprägt von aktivem Zuhören, gegenseitigem Verstehen und Wertschätzen.
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Vom 7.4. bis zum 4.6. wurde in der Intensivlerngruppe des ABC-Projektes ein neunwöchiges Unterrichtsmodul zur Förderung der Lesegenauigkeit nach Prinzipien der Direkten Instruktion durchgeführt. Konzipiert und wissenschaftlich begleitet wurde die Pilotstudie von Michael Grosche, Universität zu Köln. Zurzeit werden die Tests der beteiligten Lerner ausgewertet, um Aussagen über den Erfolg dieser neuartigen Fördermethode treffen zu können.
Die Lesegenauigkeit wurde im Unterricht trainiert durch die Anwendung und Automatisierung der Strategie, Laut für Laut zusammenschleifend zu lesen. Dazu wurden u.a. diverse Wörterlisten mit zu übenden Schwerpunkten im ABC-Projekt entwickelt und im Modul eingesetzt.
Im Downloadbereich können nun alle Wörterlisten zu den 65 Übungsschwerpunkten abgerufen werden. Projektmitarbeiterin Nadine Engel hat dazu eine Handreichung verfasst, aus der Zielsetzung, Aufbau, Methodik und Anwendungshinweise für das Training mit den Wörterlisten im Unterricht zu entnehmen sind.
Wir sind weiterhin interessiert an den Erfahrungen, die Kursleitende beim Einsatz der Wörterlisten im Unterricht bzw. generell beim Training der Lesegenauigkeit nach den Prinzipien der Direkten Instruktion gemacht haben und freuen uns über jede Rückmeldung.

Julia Trösser von der Redaktion Spiegel ONLINE ließ sich am 2.6. von Manuela Janßen aus der Intensivlerngruppe des ABC-Projektes ihre Lebensgeschichte als funktionale Analphabetin erzählen. Daraus entstand ein Beitrag, der nun bei Spiegel ONLINE nachzulesen ist.

Vielen Lernenden in Alphabetisierungskursen fällt es nicht leicht, ihre Leistungen im Lesen und Schreiben einzuschätzen. Sie haben geringe Vorstellungen davon, was sie bereits können und was sie im Einzelnen demnächst lernen könnten.
Im Teilbereich Diagnostik des ABC-Projektes werden Selbsteinschätzungsbögen für Lernende konzipiert und entwickelt, die ihnen eine reflektierte Haltung bezüglich ihres Lernstandes und
Lernprozesses ermöglichen sollen.
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Am 9.06.2010 waren Achim Scholz und Nadine Engel sowie die Lernenden Manuela und Ernst aus dem A.B.C.-Projekt zu Gast in der Radiosendung “Vor Ort” im Lokalsender oldenburg eins. Ein halbes Jahr vor Projektende wurde aus den verschiedenen Blickwinkeln der Beteiligten über die aktuellen Entwicklungen im Forschungsprojekt gesprochen und eine Bilanz der bisherigen Arbeit gezogen. In der von Reiner Siebolds von der VHS Oldenburg moderierten Sendung äußerte sich Achim Scholz über den Transfer und die Nachhaltigkeit der Projektergebnisse. Nadine Engel gab einen Einblick in den Unterricht der Intensivlerngruppe und das aktuelle Modul zur Förderung der Lesegenauigkeit. Manuela und Ernst aus der Intensivlerngruppe sprachen sehr offen darüber, wie sie ihre Chancen im Lernen nutzen, was ihnen dabei zugute kommt und wie die Motivation mit den Lernerfolgen steigt.
Wie immer stellen wir Ihnen mit freundlicher Genehmigung des Senders die Wortbeiträge der Sendung zum Nachhören zur Verfügung:
Teil 1: Achim Scholz zu Transfer und Nachhaltigkeit
Teil 2: Manuela über das Lernen im ABC-Projekt
Teil 3: Nadine Engel über das Unterrichten im ABC-Projekt
Teil 4: Ernst zur Überwindung der Angst und über Lernerfolge