Der Kurs „Lernen in der Familie“

1. Konzept

Frühen Literalitätserfahrungen in der Familie wird eine große Bedeutung für den späteren Schrifterwerb zugemessen. Es ist wichtig, dass Kinder lesende und schreibende Vorbilder haben, dass sie vielfältige Erfahrungen mit Texten und Büchern machen und sich spielerisch mit Sprache und Schrift auseinandersetzen können. Im Kurs sollen Fähigkeiten der Eltern aufgebaut und gestärkt werden, den Schriftspracherwerb ihrer Kinder zu Hause zu unterstützen und sie dadurch gut auf die Schule vorzubereiten. Die Eltern sollen für die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung ihrer Kinder sensibilisiert und unterstützt werden, eine anregende häusliche Lernumgebung zu schaffen.

Zeitraum: Der Kurs „Lernen in der Familie“ wurde von September 2012 bis Dezember 2013 im Sozialraum der Familien angeboten und war für die Teilnehmerinnen kostenlos. Er fand zunächst in einer Kita statt und wurde nach einigen Monaten ins Kulturzentrum (interkultureller Treffpunkt des Stadtteils) verlegt, um mehr Teilnehmerinnen zu gewinnen. Der Kurs wurde einmal wöchentlich für drei Unterrichtsstunden am Vormittag angeboten.

Zielgruppe: Die Teilnehmerinnen waren Mütter von zwei- bis sechsjährigen Kindern. Ihre Motivation für den Kursbesuch war vielfältig: das Kind in der Entwicklung unterstützen, das Kind gut auf die Schule vorbereiten, Unterstützung für zweisprachig aufwachsende Kinder, Hilfen bei Erziehungsschwierigkeiten, andere Mütter kennenlernen, sich mit anderen Eltern austauschen, selbst besser Deutsch lernen.
Die Teilnehmerinnen waren überwiegend Frauen mit schwierigen Bildungsbiografien (problematische Schulzeit, wenig elterliche Unterstützung, Förderschulkarriere, fehlende Schulabschlüsse, wenig Schulbesuch in den Herkunftsländern). Die Mütter waren verschiedenen sozialen und emotionalen Problemlagen ausgesetzt (Armut, Arbeitslosigkeit, alleinerziehende Mütter, finanzielle Schwierigkeiten, problematische Wohnverhältnisse, leibliche Kinder leben in Einrichtungen oder Pflegefamilien …). Die Hälfte der Teilnehmerinnen hatte einen Migrationshintergrund.

2. Durchführung des Kurses

Themen: Thematisch wurde zu folgenden Themen gearbeitet: Bildungsbiografien der Mütter, Zahlen und zählen, Bilderbücher vorlesen, Reime und Lieder, Anlaute und Buchstaben, visuelle Wahrnehmung, Zweisprachigkeit, Namen schreiben, Schrift in der Umwelt, Schlafbedürfnisse von Kindern, Konzentrationsfähigkeit, Feinmotorik und Umgang mit Medien. Zu den Themen gab es jeweils kurze Sachinformationen durch die Kursleiterin, einen Erfahrungsaustauch in der Gruppe sowie praktische Übungen. Zusätzlich wurde Informationsmaterial mit Alltagstipps sowie Lernmaterial für Kinder an die Teilnehmerinnen ausgegeben. Diese Materialien in leichter Sprache wurden im Projekt entwickelt (kostenloser Download unter www.abc-projekt.de).

Gespräche: Zu Beginn jedes Kurstages tauschten sich die Mütter über die Entwicklung ihrer Kinder, Fortschritte und Schwierigkeitenaus: Das Kind spricht jetzt in ganzen Sätzen. Es kann bis fünf zählen. Das Kind interessiert sich für Buchstaben. Es puzzelt gern. Es hilft gern beim Kochen und Backen. Es kann seinen Namen schreiben. Es möchte Telefonnummern aufschreiben … Dabei wurden die Mütter für die Entwicklung ihres Kindes sensibilisiert. Sie beobachteten genauer und nahmen aktuelle Lerninteressen und einzelne Lernschritte des Kindes besser wahr. Durch den Austausch in der Gruppe bzw. die gezielte Auswahl von Bilderbüchern, Spielen oder Lernmaterial konnten die Mütter aktuelle Entwicklungsschritte begleiten und fördern.
Auch Unsicherheiten und Sorgen wurden angesprochen: Mein Kind ist noch nicht trocken. Es benutzt viele Schimpfwörter. Es möchte nicht malen und basteln. Es kann keinen Stift halten. Es bleibt nicht sitzen, wenn ein Buch angeschaut wird. Es konzentriert sich nicht, ist sehr unruhig. Es weint jeden Morgen, wenn es in den Kindergarten gehen soll. Es spricht im Kindergarten nicht. Es schläft abends nicht ein. Der Kinderarzt oder die Erzieherinnen haben Entwicklungsverzögerungen festgestellt … Diese Gesprächsrunden nahmen viel Zeit in Anspruch. Die Kursleiterin griff aktuelle Fragestellungen auf und thematisierte sie mit der ganzen Gruppe. Dieses Vorgehen erschien erfolgreicher als an einem vorgegeben Thema zu arbeiten.

Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften: Zu vielen wichtigen Themen fanden sich Artikel in der Tageszeitung, in Zeitschriften oder im Internet. Diese waren eine sehr gute Möglichkeit, um die Teilnehmerinnen über Sachverhalte zu informieren und ins Gespräch zu kommen. Die Artikel wurden von der Kursleiterin langsam vorgelesen, schwierige Begriffe erklärt bzw. der Inhalt durch eigene Worte vereinfacht. Für alle Teilnehmerinnen war es wertvoll zu erfahren, wie andere Mütter über ein Thema denken oder wie sie selbst damit umgehen. Hierbei wurden viele Anregungen weitergegeben. Studien, z.B. „Vorlesen fördert die Entwicklung des Kindes“1 vermittelten Inhalte, die nicht allen Teilnehmerinnen bewusst waren und motivierten zu Verhaltensänderungen im Umgang mit dem Kind. Titel wie „Diagnose: Kevin“2 oder „ Bildungsgerechtigkeit: Wer arm ist, hat Pech“3 schafften Bewusstsein über Ungerechtigkeiten im Schulsystem und ermutigten Eltern, sich aktiv für ihr Kind einzusetzen. Artikel über Inklusion klärten Eltern über Veränderungen und Möglichkeiten im Schulsystem auf. Auch Neuigkeiten aus dem Stadtteil wie z.B. die Eröffnung eines Kinder-Secondhandladens (Tageszeitung) fanden großes Interesse.

Lernangebote für Sprache und Schrift: In den ersten beiden Unterrichtsstunden wurde jeweils mit der ganzen Gruppe gearbeitet (Austausch, thematische Arbeit). Die letzte Unterrichtsstunde war offen, die Teilnehmerinnen konnten zwischen verschiedenen Angeboten auswählen: weiterer Austausch in Kleingruppen, Lern- und Spielmaterial für die Kinder basteln, Bilderbücher und Spiele für die Ausleihe aussuchen und ausprobieren oder selbst lernen. Dieses Angebot wurde von einem Teil der Mütter gern angenommen. Sie konnten aus verschiedenen Lernmaterialien auswählen und übten sinnerfassendes Lesen, Grammatik, Wortschatz oder schrieben eigene Texte.

Jeden Tag ein Bilderbuch: Die Arbeit mit Bilderbüchern war eines der zentralen Themen im Kurs. Die meisten Teilnehmerinnen konnten in der eigenen Kindheit wenig Erfahrungen mit Bilderbüchern machen. Ihnen wurde von den Eltern nicht vorgelesen. Oftmals gab es in den (Herkunfts-)Familien keine oder nur wenige Bücher. Deshalb erfolgte der Einstieg ins Thema über Bilderbücher, die auch für Erwachsene interessant sind und von der Kursleiterin vorgelesen und gezeigt wurden. So wurde erfolgreich versucht einen emotionalen Zugang zum Bilderbuch herzustellen.

Die Bilderbuchausleihe: Durch Projektmitteln, Privatspenden und Verschenkemarkt konnten ca. 120 Bilderbücher und 30 (Lern-)Spiele angeschafft werden, die den Müttern zur Ausleihe zur Verfügung standen. Besonders beliebte Bilderbuchthemen waren Polizei, Zirkus, Feuerwehr, Baustelle, Mein Körper, Dinosaurier, Bauernhof, Familie und Kindergarten. Beliebte Spiele waren Memory (gerne mit Tieren, Fahrzeugen, …), Magnettafeln (mit Buchstaben und bunten Formen), Lernspiele (Menge und Zahl, Anlaut und Buchstabe, Farben würfeln) und Bilderlottos.
Das Angebot der Ausleihe wurde sehr gern angenommen. Die Mütter liehen jede Woche mehrere Bücher und Spiele für ihre Kinder aus, auch für ältere Geschwister, die schon zur Schule gehen. Lieblingsbücher und -spiele konnten über einen längeren Zeitraum ausgeliehen werden. Die Teilnehmerinnen erhielten außerdem übersichtliche Informationen über die Bibliothek in ihrem Stadtteil. Einige nutzten dieses Angebot bereits.

Bilderbücher und späterer Schrifterwerb: Bilderbücher ermöglichen erste Erfahrungen mit Schrift in einer vertrauten Umgebung. Das gemeinsame Ansehen oder Vorlesen von Bilderbüchern erzeugt Gefühle von Geborgenheit und Nähe und stärkt so die Leselernmotivation. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, sind in der Schule erfolgreicher und lesen als Jugendliche mehr als andere.
Die Mütter wurden darin bestärkt, ihren Kindern regelmäßig Bücher und Geschichten nahezubringen. Sie wurden ermutigt, mit ihren Kindern Bücher auszuleihen und anzusehen, auch wenn sie selbst Schwierigkeiten mit der Sprache oder dem Lesen haben. Für den Anfang eigneten sich „Wimmelbücher“, die oft ohne Text auskommen und zum gemeinsamen Anschauen und Erzählen (in der Muttersprache) einladen.

Ein Bilderbuch gestalten: Die Gestaltung eines Bilderbuchs für das eigene Kind kam bei den Müttern sehr gut an. Sie hatten große Freude an der kreativen Arbeit. Familienfotos, Bilder aus Zeitschriften, Kinderreime und kleine Lernaufgaben aus Kinderzeitschriften (oder selbstgestaltet) wurden auf Karton geklebt und die Seiten später gelocht und gebunden.
Das selbstgebastelte Buch gefiel den Kindern sehr, wurde oft hervorgeholt und angesehen und die Arbeit der Mutter so gewürdigt. Manche Mütter ließen ihr Kind eigene Seiten gestalten oder etwas ausmalen und bezogen es so in die Gestaltung des Bilderbuchs ein. Der emotionale Bezug zum Buch wurde in den Familien gestärkt.

Auf dem Weg zur Schrift: Ein schriftnahes Milieu weckt die Neugier des Kindes in hohem Maße. Schon früh beschäftigt es sich mit schreibähnlichen Tätigkeiten. Es „schreibt“, d.h. es verfasst Kritzelbriefe oder malt Buchstaben ab. Es tut so als ob es schreibt oder liest, so wie es in Rollenspielen auch andere wichtige Tätigkeiten Erwachsener nachahmt. Auf diese Weise macht das Kind spielerische Vorerfahrungen mit der Schrift, die zum Schrifterwerb gehören und zum weiteren Erlernen der Schrift motivieren. Diese Vorform des Schreibens ist eine Auseinandersetzung mit formalen Aspekten der Schrift. Das Kind erkennt zum Beispiel die Zeilenstruktur der Schrift und dass die Schrift aus verschiedenen einzelnen Zeichen besteht. Es entdeckt, dass Buchstaben im Gegensatz zu Bildern eine abstrakte Funktion haben. Die Buchstaben haben eine Bedeutung, die es ihnen (noch) nicht ansieht. Diese Entwicklung setzt voraus, dass das Kind lesende und schreibende Vorbilder hat und die Eltern an seinen ersten schriftsprachlichen Versuchen Anteil nehmen.
Ein Kind benötigt Erfahrungen mit Schrift als Kommunikationsmittel im familiären Alltag. Kinder, die diese Erfahrung nicht ausreichend machen, erleben das Lesen und Schreiben lernen mit Schulbeginn als etwas Fremdes, das mit ihrer eigenen Lebenswelt wenig zu tun hat. Das erschwert den Schrifterwerb erheblich.
Im Kurs wurden zunächst die eigenen Erfahrungen der Teilnehmerinnen mit dem Schrifterwerb thematisiert. Unter welchen Bedingungen haben sie lesen und schreiben gelernt. Gibt es damit noch Schwierigkeiten? Welche Rolle spielt Schrift im Alltag der Familie? Dazu gab es bei den Teilnehmerinnen ganz unterschiedliche Erfahrungen. Schwierigkeiten mit der Schrift zeigten sich bei den meisten Teilnehmerinnen eher beim Schreiben als beim Lesen. Diese Mütter waren häufig verunsichert, wie sie ihr Kind beim Schrifterwerb unterstützen können: „Ich kann nicht so gut Deutsch. Ich mache Fehler beim Schreiben. Ich hatte selber Probleme in der Schule. Ich lasse das lieber die Erzieherinnen oder Lehrerinnen machen.“ Diese Mütter wurden darin unterstützt, eigene Ressourcen und Fähigkeiten wahrzunehmen und zu nutzen, um ihrem Kind trotz Schwierigkeiten erste Erfahrungen mit Büchern, Buchstaben und Schrift im familiären Umfeld zu ermöglichen.

Namen: Der eigene Name hat für jeden Menschen eine besondere Bedeutung. Im Kurs sprachen wir zunächst über die Vornamen der Mütter – eine internationale Auswahl. Wussten sie, warum sie gerade diesen Namen bekommen hatten und was er bedeutet? Ein Namenbuch half, unbekannte Bedeutungen zu klären. Die meisten Mütter kannten die Bedeutung ihres Namens nicht und zeigten großes Interesse an dem Thema. Dann erzählte jede Mutter, warum sie ihrem Kind seinen Namen ausgesucht hatte. Auch die Bedeutungen dieser Namen wurden nachgeschlagen. Manchmal gab es ganze Geschichten rund um die Namenswahl.
Für Kinder ist der eigene Name oft das erste Wort, das sie schreiben. Das Kind lässt sich den Namen vorschreiben und merkt sich durch häufiges Abschreiben das Aussehen und die Reihenfolge der Buchstaben, wobei es zunächst häufig seitenverkehrt, verdreht oder unvollständig schreibt. Das Namenschreiben zeigt, dass Schrift von Beginn an ein Mittel ist, um Wichtiges festzuhalten. Neben dem eigenen Namen schreiben Kinder gern „Mama“, „Papa“, „Oma“, …die Namen der Geschwister und Haustiere. Die Mütter können eine solche Entwicklung anbahnen und unterstützen, indem sie z.B. gemalte Bilder oder andere Sachen des Kindes regelmäßig mit seinem Namen in Großbuchstaben beschriften und erste „Schreibversuche“ wahrnehmen und anerkennen, auch wenn Buchstaben fehlen oder verdreht sind. Im Kurs bzw. zu Hause mit dem Kind gestalteten die Mütter den Vornamen des Kindes aus großen Pappbuchstaben für die Zimmertür des Kindes. Sie gestalteten mit den Kindern Wunschzettel für Weihnachten, wobei fünf- bis sechsjährige Kinder angeleitet wurden, ihren Namen selbst darauf zu schreiben.

Phonologische Bewusstheit bezeichnet eine bestimmte Form der Sprachbewusstheit. Das Kind muss sich vom Bedeutungsinhalt der Sprache lösen und verstehen, dass Sätze aus Wörtern, Wörter aus Silben und Silben aus Lauten aufgebaut, dass manche Wörter länger und andere kürzer sind. Es muss wahrnehmen, was der erste Laut eines Wortes ist, wie es endet und dass manche Wörter sich reimen. Es muss rhythmische Aspekte der Sprache berücksichtigen. Die Bedeutsamkeit dieser Fähigkeiten wird durch eine große Anzahl an Studien belegt, die den Zusammenhang zwischen phonologischer Bewusstheit im Vorschulalter und späteren Lese- und Rechtschreibleistungen immer wieder belegen. Fehlen spielerische Gelegenheiten, sich mit diesem Aspekt von Sprache zu beschäftigen, kommt es häufig zu Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb.
Im Kurs wurde dieses Thema mittels praktischer Übungen erarbeitet. Die Begriffe „Reime“ und „Silben“ waren nicht geläufig und manche Mütter hatten Schwierigkeiten, Reime zu erkennen und Wörter in Silben einzuteilen. Kinder mögen Spiele mit der Sprache. Sie interessieren sich für Kinderreime, lustige Gedichte und Sprachspiele. Die Mütter mussten diesen Spaßfaktor erst neu entdecken. Sie bekamen gereimte Geschichten vorgelesen (z.B. „Es war einmal ein Mann“, …“ oder „Wo ist meine Katze“ von Eric Carle), sortierten Bildkarten zu Reimpaaren und übten gemeinsam Reime mit Bewegungsspielen, die sie zu Hause mit ihren Kindern durchführen konnten. Auf Wunsch der Mütter wurden auch Lieder mit Bewegungen eingeübt z.B. „Meine Hände sind verschwunden“.

Anlaute und Buchstaben: Wenn das Kind die Laute einiger Buchstaben kennt, bemerkt es, dass die Buchstaben in Beziehung zu den Lauten der Sprache stehen. Das Thema Anlaute und Buchstaben interessierte Mütter mit Kindern, die bald zur Schule kommen.
Die Mütter lernten, dass es wichtig ist, dem Kind die Laute zu nennen (und nicht die Buchstabennamen) und diese überdeutlich auszusprechen „Mmmm wie Mama“.
Spiele wie „Ich sehe was, was du nicht siehst, das fängt mit M an“ oder „Buchstaben auf den Rücken schreiben“ wurden im Kurs ausprobiert. Einige Mütter bastelten ein Bild-Anlaut-Memory für ihr Kind. Eine Mutter fertigte ein kleines Heft mit kyrillischen und lateinischen Buchstaben und dazugehörigen Anlauten, weil das Kind zweisprachig aufwächst.

Schrift in der Umwelt: Im Alltag findet man überall Schrift – Aufschriften auf Schildern, Autos, Supermärkten, Plakaten, Lebensmitteln, … Wenn Kinder darauf aufmerksam gemacht werden, gibt es viele Möglichkeiten Schrift zu entdecken, nachzuschreiben und über Bedeutungen nachzudenken. Das macht neugierig aufs Lesen. Da Kinder von sich aus fragen oder bestimmte Symbole oder Schriften z.B. das Logo von ALDI für sich entdecken, gilt es auch hier, vor allem aufmerksam zu sein, das Kind ernst zu nehmen und zu bestätigen. Möglichkeiten gemeinsam mit dem Kind als „Schriftentdecker“ unterwegs zu sein, wurden im Kurs besprochen: mit dem Kind gemeinsam den Speiseplan im Kindergarten lesen, das Kind beim Einkaufen Lebensmittel suchen lassen (z.B. Müsli von Kellogg`s), Geburtstagseinladungen vorlesen, Namen von Supermärkten „lesen“ (ALDI, Penny, Netto, …), Automarken erkennen, gemeinsam nach Rezepten kochen und backen. Zum einen soll das Kind Schrift als selbstverständlich zum Alltag gehörend erleben, zum anderen soll es Teilfertigkeiten des Lesens erlernen. Beides erleichtert das Lesen lernen in der Schule.

Visuelle Wahrnehmung und Visuomotorik: Die Fähigkeit der visuellen Differenzierung ist Voraussetzung des Erlernens einer Buchstabenschrift. Buchstaben unterscheiden sich durch winzige Details, manchmal auch nur durch ihre Lage im Raum. Ein E wird zum F, wenn man einen Querstrich wegnimmt. Ein W wird zum M, wenn man es umdreht. Ein d kann man in verschiedene Richtungen drehen, um dann b oder q zu erhalten. Beim Lesen muss man die visuelle Aufmerksamkeit auf einzelne Buchstaben, Buchstabengruppen und Wörter richten ohne dass der Gesamttext zu stark in den Vordergrund tritt und ablenkt (Figur-Grund-Differenzierung). Buchstaben und Wörter können in unterschiedlichen Größen, Formen und Schriftarten auftreten (Formkonstanz). Wichtig ist außerdem die Koordination zwischen Auge und Bewegungsabläufen, z.B. beim Malen und Schreiben (Visuomotorik).
Alle Spiele, bei denen genaues Hinsehen nötig ist, sind geeignet, um die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit zu fördern. Auch die Betrachtung von Bilderbüchern (Wo hat sich der Hund versteckt?), das Helfen im Alltag (z.B. Socken zu Paaren sortieren) oder ein Spaziergang in der Natur (z.B. Kastanien suchen, Steine sammeln, Käfer beobachten) schulen das visuelle Wahrnehmungsvermögen. Den Teilnehmerinnen wurde diese Thematik bewusst gemacht, so dass sie ihr Kind nicht nur mittels mitgegebener Übungsblätter fördern konnten, sondern vor allem einen Blick für alltägliche Spiel- und Übungsmöglichkeiten bekamen. Im Kurs wurden Spiele ausprobiert: Jeweils zwei Teilnehmerinnen bekamen ein Bild, das sie genau ansehen sollten. Dann wurde das Bild umgedreht und Fragen gestellt: Wie viele Wäschestücke hingen auf der Leine? Was stand im obersten Regal? Auch Fehlersuchbilder wurden ausprobiert, Memory gespielt und ein Puzzle für die Kinder (aus zerschnittenen Postkarten) gebastelt.

Zahlen und zählen: Schon sehr kleine Kinder benötigen mathematische Lernanreize, um später komplexe mathematische Fähigkeiten zu entwickeln.
Studien bei Schulanfängern zeigen eine große Bandbreite mathematischer Kompetenzen, die sich als ausschlaggebend für den schulischen Lernerfolg in Mathematik erwiesen haben. Die wichtigsten vorschulischen Teilfertigkeiten sind: Klassifizieren (Gegenstände nach Farben, Größen, Formen sortieren), Seriation (Reihenfolgen und Muster erkennen), Mengenvergleiche (mehr oder weniger), simultane Mengenerfassung, zählen können, Zahlen erkennen und einfaches Rechnen.
Viele mathematische Fähigkeiten können Kinder in Alltagssituationen erwerben. Dabei können sie von ihren Eltern auf einfache Weise sehr wirkungsvoll unterstützt werden. Kinder können im Haushalt helfen, beispielsweise beim Tischdecken die Personen zählen, entsprechend Geschirr zuordnen, Essen verteilen oder beim Kochen und Backen abwiegen und abmessen oder Wäsche sortieren (kleine, große, helle, dunkle Sachen, Sockenpaare). Auf alltäglichen Wegen gibt es überall Zahlen zu entdecken, wenn man aufmerksam beobachtet (Hausnummern, Autoschilder, Busnummern). Im Supermarkt gibt es unzählige Lernanlässe: Lebensmittel in den Einkaufswagen legen (fünf Bananen, zwei Packungen Milch), Maßeinheiten kennenlernen (ein Kilo Äpfel), Zahlen lesen (Preisschilder) oder erste Erfahrungen mit Geld sammeln. Interessant sind für Kinder vor allem „persönliche“ Zahlen: ihr Alter, ihre Schuhgröße, ihr Gewicht, die Telefonnummer der Familie, die Hausnummer, Uhrzeiten (Beginn der Lieblingsfernsehsendung) und die Anzahl der Familienmitglieder oder Haustiere. Reihenfolgen (gestern, heute, morgen, übermorgen) und Zeiteinheiten (Montag, Dienstag, nächste Woche) strukturieren den Alltag. Kinder können früh in die „Terminplanung“ einbezogen werden (z.B. Familienkalender), bekommen so ein Gefühl für zeitliche Abfolgen und trainieren die serielle Wahrnehmung.
Die Teilnehmerinnen des Kurses lernten, alltägliche Lernsituationen aufzuspüren und passende Fragen zu stellen: Was ist mehr? Was ist weniger? Was ist größer, was ist kleiner? Wie viele Bonbons, Autos, … sind das? Wie alt bist du? Möchtest du mehr Kuchen? Der Erfahrungsaustausch untereinander war hierbei hilfreich. Was bei anderen gut funktioniert hat, wird eher ausprobiert. Beispielsweise lernte ein vierjähriges Kind in wenigen Wochen sicher bis zehn zählen, indem die Mutter es beim Tisch decken häufig zum Zählen aufforderte. Eine andere Mutter ließ ihr Kind die tägliche Ration Süßigkeiten zählen, bevor es diese aufessen durfte.
Viele Spiele trainieren mathematische Fähigkeiten wie Formen und Mengen erkennen (Domino, Memory, Bilderlotto, Halli-Galli). Beim Bauen werden Mengen und Größen verglichen (Bausteine, Türme). Steckspiele fördern das Erkennen von Reihenfolgen und Mustern. Würfelspiele fördern das simultane Erkennen einer Menge und das Abzählen der Kästchen für die Spielfiguren. Beim Kaufladen spielen geht es um Mengen, Preise und Zahlen. Für die Ausleihe standen im Kurs ausreichend Spiele und Lernmaterialien zur Verfügung.

3. Erfahrungen / Fazit

Alle Teilnehmerinnen wurden durch persönliche Ansprache für die Teilnahme am Kurs motiviert. Einige wurden von den Erzieherinnen des Kindergartens oder Mitarbeiterinnen des Kulturzentrums angesprochen. Weitere Teilnehmerinnen konnten durch Besuche der Kursleiterin in Eltern-Kind-Gruppen des Kulturzentrums im Stadtteil vermittelt werden. Wenige Teilnehmerinnen wurden von anderen „mitgebracht“.
Während der Kursdauer (15 Monate) kamen 18 Frauen in den Kurs. Die Verweildauer lag zwischen wenigen Wochen und einem Jahr.

Das Thema „Lernen“ gewann in den Familien der Teilnehmerinnen zunehmend an Bedeutung. Die wöchentlichen Gespräche zeigten, dass die Beobachtungen der Mütter hinsichtlich der Entwicklung der Kinder genauer und ausführlicher wurden. Das Bewusstsein für die Bedeutung vorschulischen Lernens wurde bei den Teilnehmerinnen erhöht und ihre eigene Rolle als Vorbild und „erste Lehrerin“ des Kindes gestärkt. Die Möglichkeit der unkomplizierten Ausleihe von Büchern und Lernmaterial bzw. die Mitnahme von Bastelbögen, Ausmalbildern und selbstgestalteten Lernmaterialien für das Kind regte vorschulische Lernaktivitäten in den Familien an.

Einige Teilnehmerinnen leben in sehr problematischen Lebenssituationen, die ihre gesamten Kräfte fordern. Sie schafften es nicht, mit ihrem Kind regelmäßig Bücher anzusehen oder zu spielen. Auch sie erhielten Wertschätzung für das, was sie täglich leisten. Diese Frauen kamen vor allem in den Kurs, um Unterstützung für Erziehungsprobleme und Alltagssorgen zu bekommen – durch gegenseitigen Austausch in der Gruppe, Beratung durch die Kursleiterin oder Vermittlung geeigneter Hilfen (z.B. Beratungsstellen). Eine von Zuwendung, Geborgenheit und Wärme geprägte Eltern-Kind-Beziehung fördert die Lernfähigkeit des Kindes.

Literatur / Downloads

Blumenstock, Leonhard: Spielerische Wege zur Schriftsprache im Kindergarten. Weinheim und Basel 2004
Bothe, Joachim (Hrsg.): Funktionaler Analphabetismus im Kontext von Familie und Partnerschaft. Bundesverband Alphabetisierung 2011
Breuer, Helmut / Weuffen, Maria: Lernschwierigkeiten am Schulanfang. Weinheim und Basel. Erweitere Neuausgabe 2000
Conen, Marie-Luise: Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden. Aufsuchende Familientherapie. Heidelberg 2011
Egloff, Birte: Biografische Muster „funktionaler Analphabeten“. Frankfurt / Main 1997
Elfert, Maren / Rabkin, Gabriele: Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Internationale Konzepte zur familienorientierten Schriftsprachförderung. Stuttgart 2007
Ganser, Bernd / Tharandt, Karin / Feder-Scherbaum, Katja: Sicher zur Schulfähigkeit. Heidelberg 2012
Näger, Sylvia: Literacy – Kinder entdecken Buch-, Erzähl- und Schriftkultur. Freiburg 2005
Nickel, Sven: Familie und Illiteralität. In: Bothe, Joachim (Hrsg.): Funktionaler Analphabetismus im Kontext von Familie und Partnerschaft.
Bundesverband Alphabetisierung 2011
Schilling, Sabine / Prochinig, Therese: Frühförderung Mathematik. SCHUBI Lernmedien 2007
Schwing, Rainer / Fryser, Andreas: Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis. Göttingen 2006
www.Stiftunglesen.de/Vorlesestudie 2014

 

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Kathleen Bleßmann
Kathleen Bleßmann entwickelt Family Literacy- Konzepte und Materialien. Sie sind vielfältig einsetzbar in Lese-Schreibkursen, Elternkursen oder in der aufsuchenden Bildungs- und Sozialarbeit mit Müttern und Vätern.

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Dieses Heft beschreibt die ersten wichtigen Schritte auf dem Weg zur Schrift in einfacher Sprache. Es enthält Anregungen und Ideen, wie Eltern ihre Kinder dabei begleiten und unterstützen können.

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