Teilnehmergewinnung für Lese- und Schreibkurse

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Achim Scholz referierte zu seinen Erfahrungen in der Teilnehmergewinnung.

Achim Scholz referierte zu seinen Erfahrungen in der Teilnehmergewinnung.

Warum gibt es in der Alphabetisierung und Grundbildung bisher so viele Hindernisse bei der Teilnehmergewinnung? Warum sind 99 von 100 funktionalen Analphabeten bisher nicht erreicht worden? Auf welchen Kanälen erreicht man die Betroffenen und wie motiviert man sie zum Lesen und Schreiben lernen? Mit diesen zentralen Fragen beschäftigen sich schon seit längerem viele Bildungsplaner und Erwachsenenbildungseinrichtungen bzw. Experten aus Wissenschaft, Praxis und Ministerien.

Auch eine Fachtagung am 7.06.2017 im Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lernplanentwicklung und Medien in Bad Berka widmete sich mit diesem Thema.

Unter dem Titel „Alphabetisierung und Grundbildung geht uns alle an – Teilnehmergewinnung“, hörten die rund 50 Teilnehmenden Vorträge von verschiedenen Projekten und aktuellen Forschungsständen.

Antje Winkler von der Koordinierungsstelle des BIBB stellte die Nationale Dekade zur Alphabetisierung und Grundbildung vor. Zu den fünf Handlungsfeldern zählt die Öffentlichkeitsarbeit, in der die BMBF-Kampagne „Mein Schlüssel zur Welt!“ konzeptionell weiter entwickelt werden soll. Insbesondere das unmittelbare Umfeld und die Betroffenen selbst sollen hier noch besser erreicht werden.

Dr. Klaus Buddeberg von der Universität Hamburg und Mitarbeiter der LEO-Studie berichtete von aktuellen Erkenntnissen der Forschung zur Gewinnung neuer Kursteilnehmer. So wurde die Komplexität der Ursachen für geringe Weiterbildungsteilnahme und mögliche Orte der Ansprache in den Lebenswelten der Betroffenen deutlich.

Frau Luck, Leiterin der VHS Jena, erläuterte aus Sicht der Grundbildungspraxis das Projekt „AlphaKommunal“ anhand der Modellregion Thüringen und seiner 3 Standorte.

Achim Scholz, Bildungsmanager für Alphabetisierung und Grundbildung bei der VHS Oldenburg, fokussierte seinen Beitrag zur Frage der Teilnehmergewinnung auf gelungene Aktionen der ABC-Selbsthilfegruppe. Aber auch die Kooperation mit Jobcentern und Gesundheitseinrichtungen sowie eine starke kommunale Vernetzung bieten nach seiner Erfahrung große Chancen, um Betroffene, Mitwissende, Beratende, Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit noch stärker zu erreichen.

Ein wichtiger Einwurf aus dem Plenum reklamierte einen Perspektivwechsel: „Müssen wir denn wirklich bewerkstelligen, dass alle Betroffenen einen Kurs besuchen? Geht es nicht vielmehr darum, die Gesellschaft dahingehend zu verändern, dass auch mit geringer Literalität Teilhabe möglich ist?“ Die Verantwortung für Teilhabe läge bei denen, die lesen und schreiben können. Es gehe darum, Zugänge durch Einfache Sprache zu ermöglichen und eine inklusive Grundhaltung zu stärken.

Vier Workshops zum Thema Teilnehmergewinnung boten den Tagungsgästen die Möglichkeit zum Austausch unter verschiedenen Schwerpunktsetzungen. Dabei zeigte sich, dass besonders der ländliche Raum wegen schlechterer Infrastruktur eine große Herausforderung für differenzierte Lernangebote und die Ansprache von Kursteilnehmenden darstellt.

Achim Scholz leitete einen Workshop über Lernangebote in der Grundbildung.

Achim Scholz leitete einen Workshop über Lernangebote in der Grundbildung.

Nach vielen Gesprächen zog Achim Scholz folgendes persönliches Fazit:

1)
Lernende und Mitglieder von Selbsthilfegruppen können wichtige Multiplikatoren und Identifikationsfiguren (Vorbilder) sein, denn sie
  •   werben in ihren sozialen Kontexten neue Teilnehmer.
  •   befördern in ihren Sozialräumen die Mund-zu-Mund-Werbung.
  •   sind durch ihre Authentizität sehr überzeugend.
  •   verkörpern eine zielgruppenspezifische Ansprache.
  •   sind bei Medienvertretern sehr begehrt.
  •   präsentieren eigene Erfolgsgeschichten.
2)
Das mitwissende und ggf. unterstützende soziale Umfeld von Betroffenen, d.h. die potenziellen Brückenpersonen müssen noch stärker adressiert werden
(siehe Umfeldstudie / SAFfA-Studie).
3)
Die erfolgreiche Kooperation mit Jobcentern muss beibehalten und verstärkt werden, denn
  •   Sensibilisierungsschulungen (in Niedersachsen strukturell verankert) haben die
       Aufmerksamkeit gezielt auf die Kundengruppe der funktionalen Analphabeten gerichtet.
  •   Grundbildungsbeauftragte der Jobcenter als konkrete Ansprechpartner haben
       die Kommunikation vereinfacht.
  •   Personen mit unzureichender Lese- und Schreibkompetenz können in den
       Kundenmasken der Arbeitsvermittler erfasst werden.
  •   in Maßnahmen zum Bewerbungstraining werden Schriftsprachdefizite
       besonders deutlich.
4)
Verweisstrukturen von sozialen bzw. gesundheitlichen Beratungsdiensten und Hilfesystemen zu den Angeboten der Grund- und Weiterbildung müssen geschaffen und ausgebaut werden.
5)
Aufsuchende und lebensweltlich orientierte Angebote müssen entgegen der Komm-Struktur der bisherigen Grundbildungsangebote bei Erwachsenenbildungsträgern verstärkt ausgeweitet werden, zum Beispiel
  •   niedrigschwellige Lerncafés.
  •   mobile Laptop-Kurse.
  •   Vor-Ort-Angebote in Kooperation mit im Sozialraum agierenden Einrichtungen wie
       Gemeinwesenarbeit, Familienhilfe, Mehrgenerationenhäusern, Schreibservice-Büros,
       Bibliotheken, Kulturvereine etc.