Artikel in der Oldenburger Volkszeitung

Aus: Oldenburger Volkszeitung, 23.3.08
Sich die Welt erschließen und unabhängig sein
Sieben Analphabeten büffeln Lesen und Schreiben in einem Pilotprojekt der Oldenburger Volkshochschule
von Katrin Zempel-Bley


Endlich kann er die ersten Sätze in einem Buch lesen. Jannes ist 39 und Analphabet. Seit ein paar Monaten lernt er gemeinsam mit sechs anderen in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Oldenburger VHS-Pilotprojekt A.B.C. Die VHS hat den Zuschlag für ein Forschungsvorhaben zur Erwachsenenalphabetisierung in der Bundesrepublik erhalten. Das Projekt dauert drei Jahre und wird mit 750.000 Euro gefördert. A.B.C. steht für Alphabetisierung, Beratung und Chancen.
Jannes hat eine Schulpflicht absolviert, konnte aber nie lesen und schreiben und hat zunehmend darunter gelitten. ´Die meisten Analphabeten reden nicht über ihr Handicap, sie versuchen alles, damit die Umwelt nichts davon mitbekommt`, erzählt er. ´Wir haben immer Angst diskriminiert zu werden oder unsere Arbeit zu verlieren.` ´Ich war Jahrzehnte in einer Schuhfabrik tätig`, erzählt Hermann, der plötzlich auf der Straße saß. ´Die Firma hat Insolvenz angemeldet und da war ganz schnell Schluss. Ich bin 52 Jahre und habe jetzt große Schwierigkeiten, eine neue Arbeit zu finden. Um die Zeit vernünftig zu nutzen, lerne ich jetzt endlich lesen und schreiben.` Warum haben sie in der Schule nicht lesen und schreiben gelernt? ´Wir waren zu Hause zwölf Kinder. Meine Mutter hatte keine Zeit für mich. Ob ich Hausaufgaben gemacht habe oder nicht, das hat keinen Menschen interessiert.` Er war Gerüstbauer und hat sehr lange auf einer Bohrinsel gearbeitet, wo er nie lesen und schreiben musste. Jetzt reicht ihm das Versteckspiel ´Ich will mit meinem Defizit offen umgehen und den Druck und den Stress loswerden, dem alle Analphabeten mehr oder weniger ausgesetzt sind.` Die anderen Projektteilnehmer bestätigen das. ´Mitunter ist es schrecklich, diese Schwäche dauernd überspielen und Ausreden erfinden zu müssen`, sagen sie übereinstimmend. In dem bislang einmaligen Forschungsprojekt fühlen sie sich wohl. ´Hier werden wir akzeptiert. Niemand guckt uns schräg an oder redet hinter unserem Rücken` sagt Hermann. Jannes findet die Art des Lernens sehr angenehm. ´Hier orientieren sich die Lehrkräfte an unserem individuellen Kenntnisstand. Ich werde nicht getrieben und wenn ich schnell kapiere, geht es auch schnell weiter.` ´Mit den ersten Lese- und Schreiberfolgen stellt sich auch ein gewisser Stolz ein`, berichtet Hermann. ´Das tut schon gut fürs Selbstbewusstsein.` Und die Vorstellung, sich mit Hilfe dieses Projektes die Welt erschließen zu können, zum Beispiel eine Speisekarte oder Fahrpläne lesen zu können, motiviert die sieben Teilnehmer. ´Vielleicht kann ich demnächst Führerschein machen. Auch dadurch hätte ich neue Arbeitsmöglichkeiten`, sagt Jannes. Hermann hofft, dass er nicht mehr über den Tisch gezogen wird, weil er demnächst selbst lesen kann.