Im Dialog mit Studierenden

Von li.: Ernst Lorenzen, Anna-Maria Hintz und Achim Scholz im Hörsaal

Von li.: Ernst Lorenzen, Anna-Maria Hintz und Achim Scholz im Hörsaal

Oftmals haben angehende Lehrkräfte in ihrem Studium nichts oder wenig über das Thema funktionaler Analphabetismus in Deutschland vermittelt bekommen. Prof. Dr. Anna-Maria Hintz vom Lehrstuhl Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen des Lernens unter besonderer Berücksichtigung inklusiver Bildungsprozesse an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg hat das Thema „Erwachsene mit geringer Literalität“ zum wiederholten Mal in einer Vorlesung aufgegriffen und dazu Experten eingeladen, so auch am 21.01.2020.

Vor 70 interessierten Lehramtsstudenten im Masterstudiengang Sonderpädagogik erläuterten Ernst Lorenzen von der ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg und Achim Scholz, Bildungsmanager für Alphabetisierung und Grundbildung bei der VHS Oldenburg, Zahlen und Fakten und das Leben mit einer Lese- und Schreibschwäche.

Achim Scholz nannte zunächst die Ergebnisse der LEO-Studie 2018 „Leben mit geringer Literalität“ und beschrieb, wie die Schriftsprachkompetenzen in Kursen der VHS Oldenburg nachholend vermittelt werden.

Daraufhin veranschaulichte Ernst Lorenzen als ehemals Betroffener seine Lebens- und Lerngeschichte, was er auf der Sonderschule erlebte, wie er sein Berufsleben bewältigte und mit 55 Jahren begann, das Lesen und Schreiben in einem zweiten Anlauf zu meistern.

Besonders das konkrete Erleben einer Lese- und Schreibschwäche und der Umgang damit veranlasste die Studierenden zu vielen Nachfragen, zum Beispiel:

  • Was hätten Sie sich früher von ihrem Lehrer gewünscht?
  • Was hat Sie motiviert, so spät noch in einen Kurs zu gehen?
  • Wie kommen Sie in der VHS an neue Kursteilnehmer heran?
  • Möchten alle gerne noch das Lesen und Schreiben lernen?
  • Gibt es Lese- und Schreibkursangebote auch im ländlichen Raum?
  • Kommen auch Menschen mit Deutsch als Zeitsprache zu Ihnen?
  • Brechen Lernende auch manchmal ihren Kurs ab?

Die Studierenden waren überrascht, wie lange eine Lese- und Schreibschwäche manchmal der Familie oder dem Umfeld verheimlicht werden kann und beeindruckt davon, wie groß das Stigma gesamtgesellschaftlich zu sein scheint, wenn eine erwachsene Person Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben hat.

Sie waren betroffen darüber, dass Ernst Lorenzen in der Schule niemanden hatte, der das Problem erkannt und ihm geholfen hat. Vor diesem Hintergrund fanden sie es für sich als zukünftige Lehrkräfte besonders relevant, früh durch eine gute Vertrauensbasis und durch Nachfragen und Nicht-Wegschauen Personen eine lange Leidenszeit ersparen zu können. Auch den Bereich der Diagnostik fanden sie in diesem Kontext sehr wichtig, um einen Einblick zu bekommen, wo im Lernprozess eine Schülerin oder ein Schüler gerade steht.

Vielen war nicht bewusst, auf wie viele verschiedene Bereiche im Alltag es Auswirkungen hat. Hier kamen Sie noch einmal auf Beispiele aus der Lebensgeschichte von Ernst Lorenzen zu sprechen: die aus Verlegenheit bestellten Mahlzeiten im Restaurant, die verpassten Autobahnabfahrten und die Probleme mit Beipackzetteln von Medikamenten.

Die Studierenden fanden es besonders beeindruckend, dass Ernst Lorenzen als ehemals Betroffener in der Lage ist, seine Geschichte mit allen Höhen und Tiefen mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen. Und hilfreich fanden sie zudem die vielen Hinweise auf konkretes und kostenloses Lern- und Infomaterial, zum Beispiel

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