Neue Impulse durch Fortbildung

Zu der vom ABC-Projekt und der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung Niedersachsens organisierten zweitägigen Fortbildung „Neue Methoden und Lernmaterialien in der  Alphabetisierung“  waren 14 Teilnehmerinnen aus fünf Bundesländern angereist. Viele blickten bereits auf langjährige Unterrichtserfahrungen zurück und waren gespannt auf neue Ideen und Materialien für ihren Unterricht und auf die neuesten Ergebnisse der im ABC-Projekt erprobten Unterrichtskonzepte.

Nadine Engel und Kathleen Bleßmann, Kursleiterinnen des ABC-Intensivkurses, berichteten von verschiedenen Möglichkeiten des Schriftspracherwerbs (Lesetraining durch direkte Instruktion, Lernen im offenen Unterricht). Die Praxisberichte und ihre theoretischen Hintergründe wurden von den Teilnehmerinnen interessiert aufgenommen und engagiert diskutiert, insbesondere im Hinblick auf die Umsetzbarkeit unter den eigenen Praxisbedingungen und den zu erwartenden Hindernissen.

Auch wenn sich alle Beteiligten mehr Zeit für den Erfahrungsaustausch wünschten, zeigten sie sich sehr zufrieden mit der praxisorientierten Fortbildung und konnten Ideen, Anregungen und Motivation für die weitere Arbeit mit auf den Weg nehmen.

1.    Fortbildungstag 24.4. mit Schwerpunkt Leseförderung:

Nadine Engel erläuterte anhand einer Folienpräsentation zunächst den didaktischen Ansatz der Direkten Instruktion und die Prinzipien der Umsetzung bei der Leseförderung. Sie stellte heraus, wie wichtig es ist, den Basisprozesse des Lesens zu automatisieren. Durch Tondokumente mit Äußerungen von Lernenden wurde die Bedeutung des Lesens für Lernende verdeutlicht.

Es wurde das im ABC-Projekt erprobte Training der Graphem-Phonem-Korrespondenz nach dem modifizierten IntraActPlus-Programm dargestellt, in einem Dokumentarfilm veranschaulicht und Probleme bei der Umsetzung erörtert. Da viele der anwesenden Fortbildungsteilnehmerinnen in Integrationskursen tätig sind, wurden weitere Modifizierungen und Lernhilfen diskutiert (z.B. individuelle Anlauttabellen, Visualisierungen, Ideenpool zum Training ähnlicher Laute).

Mit der Förderung der Lesegenauigkeit wurde von Nadine Engel ein weiteres in der Lerngruppe des ABC-Projektes erprobtes Modul vorgestellt. Filmausschnitte vom Unterricht und Lerneraussagen sowie Zitate aus dem Lehrertagebuch veranschaulichten den Ablauf des speziellen Trainings, das Handeln der Kursleiterin und die von den Lernern erlebten Erfolge. Die Fortbildungsteilnehmerinnen und weitere Interessierte können schon bald auf diverse Wörterlisten für verschiedene Übungsschwerpunkte und eine erklärende Handreichung zurückgreifen (unter Downloads).

Als drittes Modul wurde die Förderung der Lesegeschwindigkeit zur Verbesserung der automatisierten Dekodierfähigkeit in ihrer methodischen Umsetzung dargestellt und gut zu verwendende Lesetexte besprochen (s.a. Oldenburger Lesekartei). Auch hierbei wurden wieder die Besonderheiten beim Einsatz mit verschiedenen Zielgruppen, zum Beispiel in Lerngruppen von Migranten, erörtert.

Die Teilnehmerinnen zeigten eine große Bereitschaft, besonders die Förderung der Laut-Buchstaben-Zuordnung und der Lesegenauigkeit in ihrem jeweiligen Praxisfeld auszuprobieren und sich über die Erfahrungen und das eingesetzte Material auszutauschen. Sehr hilfreich könnte in diesem Zusammenhang eine Internet-Plattform für Kursleiterinnen sein, um durch kontinuierlichen Erfahrungsaustausch das eigene Handeln weiter professionalisieren zu können.

2.    Fortbildungstag 25.4. mit Schwerpunkt Offener Unterricht:

Kathleen Bleßmann wählte als Einstieg in das Thema den Film „Ich lerne, was ich will“ (Freier Unterricht in der Grundschule mit Falko Peschel). In der anschließenden engagierten Diskussion wurden die Vorbehalte, aber auch Chancen eines offenen und stärker durch die Lernenden bestimmten Unterrichts vergegenwärtigt.
Bezogen auf die Alphabetisierung Erwachsener erläuterte Kathleen Bleßmann die verschiedenen Dimensionen einer Öffnung des Unterrichts nach Hans Brügelmann und die damit veränderte Rolle der Kursleitenden. Die Entwicklung von Lernstrategien (Lern- und Arbeitstechniken, Reflexion und Verantwortung) wurden dabei als unverzichtbare Helfer beim selbstregulierten Lernen herausgearbeitet.

Der folgende Bericht aus der Praxis des ABC-Projektes verdeutlichte das Konzept des fünfmonatigen Moduls „Selbstreguliertes Lernen“ und den Verlauf des offenen Unterrichts in der Lerngruppe mit den anfänglichen Schwierigkeiten und den strukturgebenden Elementen gemeinsamer Unterricht, Zeitungsarbeit, Freie Auswahl/Lerntheke und die Dokumentation im Wochenplan.
Ausgewählte Zitate aus den Lehrertagebüchern und ein Dokumentarfilm veranschaulichten den Prozess der Unterrichtsöffnung, die Reaktion der Lernenden und ihre starke Identifikation aufgrund der Gestaltungsfreiheit. In Gruppenarbeit wurde anhand eines Lehrertagebuches  exemplarisch herausgearbeitet, welche Aufgaben sich die einzelnen Lernenden aussuchten und bearbeiteten, wie sich Gruppen- und Partnerarbeit im offenen Unterricht gestaltete und welche Schwierigkeiten dabei zu bewältigen waren.

Anschließend wurde die lebensweltbezogene Textarbeit von der Schreibidee über die Textbesprechungen in Schreibkonferenzen (nach dem Konzept von Spitta) bis zur Veröffentlichung behandelt und wiederum durch Tondokumente konkretisiert. Dabei zeigte sich, dass die Lernenden im geöffneten Unterricht ein großes Repertoire an Textverarbeitungsstrategien erwarben.

Auf großes Interesse stieß bei den Teilnehmerinnen der Fortbildung die Lerntheke mit ihren nach Lernfeldern und Schwierigkeitsgraden geordneten Lernmaterialien. Einige hatten bereits begonnen, ihren Unterricht für selbst reguliertes Lernen zu öffnen und fühlten sich durch diese Fortbildung darin bestätigt.
Deutlich wurde, dass vieles umsetzbar ist, wenn eine gute Strukturierung durch Arbeitsformen, Lernmaterial und soziale Gestaltung erfolgt und die Lernenden in kleinen Schritten Richtung Selbstbestimmung und Selbstverantwortung mitgenommen werden.