Zugänge schaffen

Foto von li.: Achim Scholz, Ernst Lorenzen, Prof. Dr. Anke Grotlüschen beim Tischgespräch der AlphaDekade © BMBF/ Scherm

von li.: Achim Scholz, Ernst Lorenzen, Prof. Dr. Anke Grotlüschen beim Tischgespräch der AlphaDekade © BMBF/ Scherm

Zur Fachkonferenz der AlphaDekade 2018 trafen sich am 24./25. April im Besenbinderhof in Hamburg über 200 ExpertInnen von Bund, Ländern, Dekade-Partnern, Praxisprojekten, Bildungseinrichtungen, Forschung und Selbsthilfegruppen. Angesichts von bisher nur bundesweit 20.000 Lernenden in Lese- und Schreibkursen lautete die zentrale Frage: Wie lassen sich mehr Betroffene erreichen und zur Teilnahme an entsprechenden Grundbildungsangeboten motivieren? In Vorträgen, Fachforen und Tischgesprächen wurden Anforderungen, Gelingensfaktoren und Beispiele guter Praxis diskutiert.

In seiner Eröffnungsrede sprach Dr. Ulrich Reiser von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin von der Notwendigkeit, viele verschiedene Zugänge zu suchen und entwarf folgende Programmatik:

 •  Kursangebote ausweiten
 •  Mitwisser als Brückenköpfe nutzen
 •  Orte der Erreichbarkeit kennen
 •  Aufsuchende Bildungsangebote platzieren
 •  Netzwerkstrukturen erweitern
 •  Alpha-Bündnisse gründen
 •  Grundbildungszentren und Koordinierungsstellen stärken
 •  Lehrpersonal qualifizieren
 •  Alphabetisierungs-Beruf attraktiver machen
 •  Lücke zwischen Alpha-Kursen und nachholenden Schulabschlüssen schließen

Prof. Dr. Karsten D. Wolf von der Uni Bremen benannte in seinem Impulsvortrag die Anforderungen und Chancen der Digitalisierung für Alphabetisierung und Grundbildung. Informelles, anlassbezogenes und autonomes Lernen gewänne an Bedeutung und damit lebensweltorientiertere Inhalte. Die Betroffenen bräuchten ein konkretes Ziel und eine konkrete Verbesserung im Leben, um sich der Hürde eines Kursbesuches zu stellen. Kursleitende müssten sich stärker in digitaler Kompetenz weiterbilden und ihre Curricula anpassen. Auch funktionale Analphabeten seien für digitale Lernangebote offen.
„Wir wissen noch wenig darüber, was funktioniert und was nicht. Elementar bleiben Investitionen in die Ausstattung und eine gute Qualifikation der Lehrkräfte“, sage Ilka Koppel, die an der Pädagogischen Hochschule Weingarten zu dem Thema forscht.

Prof. Helmut Bremer von der Uni Duisburg-Essen sprach über Zugänge zum Milieu und zur Lebenswelt Betroffener. Er plädierte dafür, als Brückenbauer zwischen verschiedenen sozialen Milieus (der Kursleitenden und Lernenden) die Perspektive des Gegenübers einzunehmen: Wozu benutzt bzw. braucht der Lernende in seinem spezifischen Milieu die Schriftsprache? Wann sei der Schmerz so groß, in einen Kurs zu gehen? Es sei notwendig, neue Formate jenseits der klassischen Komm-Angebote der institutionellen Erwachsenenbildung zu entwickeln, die die Lernbedürfnisse da aufgreifen, wo sie entstehen. Für die Erwachsenenbildung bedeute das, ihre Organisationslogik und ihr Fördersystem neu zu denken.

Dazu konnten Achim Scholz und Ernst Lorenzen von der VHS Oldenburg im Tischgespräch mit Moderatorin Bettina Kerschbaumer-Schramek ihre Erfahrungen einbringen. Bildungsmanager Scholz: „Im Regionalen Grundbildungszentrum der VHS Oldenburg versuchen wir neue Zugänge zu schaffen, indem wir Betroffenen in ihrem Wohn- und Lebensumfeld, also in Stadtteiltreffs, Gemeindezentren und Mehrgenerationenhäusern, einfach zugängliche und kostenfreie Lernwerkstätten für Lesen, Schreiben und Rechnen anbieten. Erfolgreich sind auch Sensibilisierungsveranstaltungen für Integrationsfachkräfte und Fallmanager an Jobcentern, in deren Folge mehr Betroffene in die Kurse vermittelt wurden. Zudem muss das Netz an Kooperationspartner und Multiplikatoren ständig ausgebaut und gepflegt werden.“

Wenn Betroffene zu Lerner-Experten werden, sind sie aufgrund ihrer authentischen Ansprache wichtige Brückenbauer. Das bestätigte Ernst Lorenzen als Mitgründer der ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg: „Wir können die Menschen gut erreichen, wenn wir über unser Leben sprechen. Wer weiß es besser als die Betroffenen selbst. Wenn ich anderen Betroffenen, Lehrern oder Jobvermittlern von meinen eigenen Erfahrungen berichte, ist das überzeugender als manch Info-Broschüre oder Film.“

Auf seine Wünsche für die AlphaDekade angesprochen, nannte Achim Scholz im Tischgespräch folgende Ziele:

 •  Kostenfreie Grundbildungsangebote
 •  Verlässliche Regelförderung der Grundbildungszentren
 •  Bessere Honorierung bzw. Festanstellung des Lehrpersonals
 •  Bessere finanzielle Ausstattung der Grundbildungszentren
 

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