„Ich wusste nicht, dass es in Oldenburg 12.000 Erwachsene gibt, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Aber es ist gut, es jetzt zu wissen und dass es bei der VHS Kurse zum Lesen und Schreiben lernen gibt.“
Solche und ähnliche Reaktionen erhielten die Akteure der ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg und Mentor Achim Scholz von Kunden und Kundinnen der Buchhandlung Bültmann & Gerriets in der Oldenburger Innenstadt. Auch zum diesjährigen Weltalphabetisierungstag am 8. September stellte die Buchhandlung als verlässlicher Kooperationspartner ihren Eingangsbereich mit einem Info-Tisch für Gespräche über geringe Literalität zur Verfügung.
Eine Kundin erzählte, dass ihr Vater auch nach 9 Jahren Volksschulbesuch ein Manko im Lesen und Schreiben hatte und seine Ehefrau dann den Schriftkram erledigte. Nach deren frühen Tod habe sie als Tochter den Vater dann bei schriftlichen Angelegenheiten unterstützt. Sie selbst arbeitet im Pflegedienst und meint, dass die Pflegedokumentation unbedingt einfacher werden müsse, da sonst dringend benötigte Pflegekräfte vor großen Hürden stehen.
Als ebenso von der Tochter schriftsprachlich unterstützt offenbarte sich ein russischstämmiger Mann, dem „ein halbes Jahr Sprachkurs nicht so viel gebracht hat“ und der sich vor allem Briefe von Ämtern übersetzen und erklären lassen muss.
Ein Angestellter beim Verwaltungsgericht sagte, dass er bei juristischen Fällen immer wieder mit Leseschwächen konfrontiert ist. „Dann ist die persönliche Ansprache und das Erklären des Sachverhaltes sehr wichtig.“ Anschreiben in Einfacher Sprache seien eine Gradwanderung. „Manche Empfänger halten sich dann für dumm verkauft.“ Eine Internetansprache in Einfacher Sprache sei in seiner Institution aber schon üblich.
Eine Grundschullehrerin hatte in ihren Klassen immer Schüler mit Lese- und Schreibproblemen. „In solchen Fällen ist die Elternarbeit immer sehr wichtig, um auch von zu Hause Unterstützung zu erhalten.“ Mit den Inklusionskindern fühlte sie sich als Lehrkraft überfordert. „Es war falsch, die Förderschulen abzurasieren, ohne ausreichend Personalressourcen zur Verfügung zu stellen.“
Eine im Umland von Oldenburg aufgewachsene 19-Jährige meinte: „Auf dem Land hilft man sich gegenseitig.“ Sie habe eine schöne Kindheit gehabt und erst mit 14 Jahren das erste Handy bekommen.
Die meisten Gesprächspartner verneinten die Frage, ob sie in der Familie oder im sozialen Umfeld jemanden mit einer ausgeprägten Lese- und Schreibschwäche kennen. Viele wollen aber zukünftig aufmerksamer dafür sein und bedankten sich für die Informationen der ABC-Selbsthilfegruppe.
Mit ihrer Aktion zum Weltalphabetisierungstag wollten Ernst Lorenzen, Bärbel Kitzing, Hermann Tülp und Achim Scholz mehr Sichtbarkeit für Grundbildung und Bildungsgerechtigkeit erreichen. Darüber hinaus war es ihnen wichtig, die von einer Lese- und Schreibschwäche Betroffenen zu ermutigen und unterstützen und auf die Lernangebote bei der VHS Oldenburg sowie Bücher in Einfacher Sprache hinzuweisen.
Mehr Informationen zur Grundbildung und zum Niedersächsischen Landesbündnis für Alphabetisierung und Grundbildung gibt es unter: www.grundbildung-nds.de
